In einem nächsten Schritt habe ich mir das APM Verfahren der Firma oose Innovative Informatik GmbH angeschaut.
Wie bereits im Teil 1 und Teil 2 erwähnt, gibt es verschiedene bekannte Verfahren, die alle Mitte/Ende der 1990er-Jahre erstmals publiziert wurden. In der Praxis des deutschen Sprachraums gehören Scrum und XP zu den beliebtesten Verfahren.
Das APM-Verfahren hat die grössten Ähnlichkeiten mit Scrum, vor allem bei den Techniken auf der Mikroebene. Scrum macht in diesem Bereich klare Vorgaben beispielsweise bezüglich der Rollen, Dauer von Sprints und spezieller Meetings.
APM beinhaltet Elemente aus Scrum, die aufgrund der eigenständigen Entwicklung teilweise jedoch unter anderem Namen oder in anderer Ausprägung existieren. Scrum beinhaltet eine eigene Terminologie (bspw. Product Backlog, Sprints, Sprint Backlog), während man sich beim APM-Verfahren eher an traditionelle Terminologien orientiert. (bspw. Arbeitsauftrag, Featureliste, Releaseplan). Das APM-Verfahren lehnt sich also bezüglich Methodik, Konzepten und Terminologie so weit wie möglich an klassichen Projektmanagementverfahren. Ausgangspunkt ist daher nicht die Unterstützung von Entwicklerteams durch Mikromanagementtechniken, sondern ein umfassendes Projektmanagement.
APM ist quasi eine Erweiterung und Ergänzung traditioneller Projektmanagementansätzen und auf diesen wird aufgebaut. Agilität heisst Beweglichkeit. Beweglichkeit setzt Freiräume und Freiheiten voraus, das heisst Abweichung von Standards oder vorgegebenen vielleicht starren, aber möglicherweise auch bewährten Regelwerken. Wo immer Freiheit entsteht, gibt es Verantwortung als Kehrseite der Medaille. Freiheit ohne Verantwortung ist egoistisch und einseitige Interessenverfolgung. Verantwortung wiederum setzt Kompetenz voraus.
Bezogen auf agiles Projektmanagement heisst dies, dass von agilen Projektteams und Führungskräften in agilen Projekten eine höhere Projektmanagementkompetenz erwartet wird, als von solchen aus herkömmlichen Projekten.
Das APM-Buch ist im Vergleich zum Buch von Roman Picher deutlich umfassender, kommt auf 440 Seiten und ist anders aufgebaut. Der eigentliche methodische Teil ist auch nur ca. 220 Seiten stark und macht den vorderen Teil des Buches aus. Anhand eines durchgängigen Fallbeispiels eines Grossprojekts werden in chronologischer Reihenfolge die Projektvorbereitung, die Projektplanung, die Release-Planung, Iterationsvorbereitung, Iterationsdurchführung, Iterationsnachbereitung und schliesslich Release- bzw. Projektabschlüsse behandelt. Der ganze hintere Teil des Buches ist eine werkzeugkastenähnliche Sammlung von fast einhundert Einzeltechniken, Mustern und Methoden, die nach den Wissensgebieten des PMI (Project Management Institute) gegliedert sind: Inhalts- und Umfangsmanagement, Zeitmanagement, Kostenmanagement, Qualitätsmanagement, Personalmanagement, Kommunikationsmanagement (hier geht es sehr stark auch um soziale Themen), Risikomanagement und Vertrags- und Einkaufsmanagement.
Die erstellte Präsentation soll kurz die Abläufe und Begrifflichkeiten von APM aufzeigen. Die Ähnlichkeiten zu Scrum sind frappant. –> Starte Präsentation
Wie so eben erläutert, beinhaltet der zweite grosse Teil des Buches einige Techniken, Muster, Modelle und Standards. Die Auswahl der in diesem “Werkzeugkasten” enthaltenen Elemente ist eine Untermenge des oose-Projektmanagement-Werkzeugkastens und bringt agile Teile in den Projektmanagementstandard des nicht prozessorientierten PMI.
Nachfolgend liste ich einige agile Teile aus dem Buch und referenziere diese mit den Kategorien aus PMI.
Produktkarton (Inhalts- und Umfangsmanagement)
Ein Produktkartion dient als Metapher für ein zu erstellendes Produkt und beschreibt in wenigen Sätzen, die grundlegende Systemidee, die hinter dem Produkt steht. Zum einen hilft ein Produktkarton, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, da der Platz auf einem Karton begrenzt ist. Zum anderen hilft er, die Formulierung plastisch zu halten, da allen Beteiligten die zu verwendende Sprache aus realen Produktkartons bekannt ist.
ZAK-Karten (Inhalts- und Umfangsmanagement)
ZAK-Karten sind eine strukturierte Beschreibungsform zur Setzung oder Vereinbarung von Zielen mit nach Möglichkeit objektivierbaren Erfolgskriterien bzw. Kennzahlen. In der einfachsten Form werden Ziele mit jeweils einer sogenannten ZAK-Karte beschrieben, die das Ziel, die notwendigen Aktionen oder Massnahmen dazu sowie eine Kennzahl zur Messung der Zielerreichung enthalten. (Ähnlich zu den Story-Cards in Scrum)
Kano-Innovationsmodell (Inhalts- und Umfangsmanagement)
Diese Modell beschreibt einen Zusammenhang zwischen dem Erfüllungsgrad bestimmer Anforderungen und der Kundenzufriedenheit. Es eignet sich, um gezielt nach Innovationen zu suchen und ein Produkt so masszuschneidern, dass unter gegebenen Rahmenparametern maximale Kundenzufriedenheit erreicht werden kann. Es geht davon aus, dass sich Anforderungen, die Kunden an ein Produkt haben, in 3 Bereiche unterteilen lassen: Basis-, Leistungs- und Begeisterungsanforderungen.

Kunden reagieren auf der Grad der Erfüllung dieser Anforderungen unterschiedlich (siehe Grafik). Kunden entwickeln keinen hohen Grad an Zufriedenheit, wenn ein Produkt nur Basisanfoderungen abdeckt. Diese gelten als selbstverständlich und werden oftmals auch nicht explizit kommuniziert. Es ist daher wichtig, die latent vorhandenen Basisanfoderungen an das Produkt zu ermitteln, und es ist sinnlos, die Basisanforderungen überzuerfüllen, weil sie das subjektive Zufriedenheitsempfinden des Kunden nicht steigern.
Burn-down-Chart (Zeitmanagement)
Wie bei Scrum gibt es auch bei APM eine Burn-down-Chart. Es handelt sich um eine grafische Darstellung eines Fortschritts entlang der Zeit (x-Achse). Auf der y-Achse wird dabei übelicherweise die noch zu erledigende Arbeit aufgetragen, sodass die Kurve sich entlang der Zeit nach unten entwickelt.

Auto-Kritiker-Treffen (Qualitätsmanagement)
Feedback zu geben und zu nehmen ist gar nicht so einfach. Wenn man nicht aufpasst, kommt es zu Missverständnissen, emotionalen Verletzungen, Vorwürfen, Demütigungen, Demotivation und Ähnlichem. Das Auto-Kritiker-Treffen bietet eine konstruktive Struktur, sachlich, mit Wertschätzung und frei von emotionalen Verletzungen Kritik zu erfahren und daraus zu lernen.
Es ist ein dreiteiliges Arbeitstreffen bei dem
- ein oder mehrere Entwickler eine Lösung vorstellen und dabei von den übrigen Teilnehmern (den Kritikern) nicht unterbrochen werden
- die übrigen Teilnehmer (Kritiker) den vorgestellten Gegenstand kritisieren, d.h. ihre Eindrücke, Gedanken, Bemerkungen, Bewertungen etc. hierzu darlegen und dabei nicht durch die Autoren unterbrochen werden
- der oder die Autoren sich zurückziehen und das erhaltene Feedback für sich aus- und bewerten.
Ein neutraler Moderator wird festgelegt, der das Treffen leiten wird.
Ergänzende Informationen sind in weiteren Beiträgen zu finden..
http://techtalk.fabio.li/wordpress/?p=281
http://techtalk.fabio.li/wordpress/?p=66
http://techtalk.fabio.li/wordpress/?p=22
Gruppendynamik (Personalmanagement)
Eine vollständig oder teilweise neu zusammenkommende Gruppe von Menschen, beispielsweise in einem Softwareentwicklungsprojekt, durchläuft typischerweise bestimmte Phasen. In jeder Phase sind andere Aspekte wichtig, und sie beeinflussen die Arbeitsfähigkeit der Gruppe. Die Kenntnis um solche gruppendynamische Phasen ist wichtig, da sie zu berücksichtigen sind. Die Phasen können nicht künstlich herbeigeführt werden.



5-mal-Warum-Fragetechnik (Kommunikationsmanagement)
Bei einem Problem, nur (einmal) nach dem “Warum” zu fragen, reicht nicht aus. Es soll mehrmals nacheinander die “Warum” frage gestellt werden, da die ersten Antworten nur Symptome und Phänomene zutage fördern, aber noch nicht die Ursache darstellen.
Fishbowl (Kommunikationsmanagement)
Eine ebenfalls spannende Art zur Diskussionsführung lautet Fishbowl. Hierbei diskutiert eine kleine Gruppe von Teilnehmern des Plenums im Innenkreis (im “Goldfisch-Glas”) exemplarisch die Thematik, während die übrigen Teilnehmer in einem Aussenkreis die Diskussion beobachten. Möchte ein Teilnehmer aus dem Aussenkreis zur Diskussion beitragen, kann er mit einem Mitglied des Innenkreises die Plätze tauschen. Die Arbeit des Innenkreises kann am Ende mit der gesamten Gruppe besprochen werden.
Der Hauptvorteil besteht darin, dass die Diskussionsrunde überschaubarer ist, da immer nur eine kleine Anzahl von Teilnehmern gleichzeitig diskutieren kann. Mitglieder, die sonst nicht zu Wort kommen, können in den Innenkreis wechseln und kommen dort schnell an die Reihe, ihre Meinung zu äussern. Des Weiteren kann ein Teilnehmer, der keine Lust mehr hat, einfach aussteigen und zuhören. Die Methode bietet sich ausserdem an, Dominanzverhältnisse aufzuzeigen: Aufdringliche Teilnehmer müssen sich beständig wieder in den Innenkreis begeben.
Prosecco-Event / Projektparty / Bier trinken gehen (Kommunikationsmanagement)
Ein kleines und häufig spontan organisiertes Treffen in lockerer Atmosphäre, um ein kleines, aber wichtiges Ereignis zu feiern. … mehr muss dazu nicht erwähnt werden
Projektmitarbeiter-Steckbriefe (Kommunikationsmanagement)
In mittleren und grossen Projekten kommen gewöhnlich viele Menschen zusammen, die sich bis dahin nur flüchtig oder gar nicht kannten, wodurch die Personen gegenseitig ihre Namen, Aufgaben etc. nicht kennen und gegebenenfalls sehr unsicher im Umgang miteinander sind. Jeder entscheidet selber, was und wie viel er von sich preisgeben möchte. Diese Angaben sind jedoch wichtig und hilfreich, weil die Menschen darüber einfacher in Kontakt treten können. Die Firma namics geht diesbezüglich einen Schritt weiter und publiziert diese Informationen sogar auf dem Internet (siehe Link).
Fazit
Ich erachte das APM Verfahren als äusserst spannend. Die Ähnlichkeiten zu Scrum sind enorm, was auch die Autoren des Buches besagen.
„When I see a bird that walks like a duck and swims like a duck and quacks like a duck, I call that bird a duck.“
Der Katalog mit den agilen Techniken, Modellen und Standards kann sicherlich bei Umsetzung eines agilen Entwicklungsprozess hilfreich sein.